
von Gottfried Bohl (KNA)
Begabung ist mehr als gute Noten.
Bildung soll Menschen zu verantwortlichem Handeln befähigen.
KI macht Bildung nicht überflüssig, sondern wichtiger.
Drei Botschaften zum Abschied von der katholischen Begabtenförderung.
Bonn (KNA) Der Germanist Georg Braungart (71) verabschiedet sich zum 1. Oktober nach 15 Jahren von der Spitze des Cusanuswerks, des Begabtenförderungswerks der katholischen Kirche in Deutschland. Bei der Bischofsvollversammlung in Fulda wird am Donnerstag bekanntgegeben, wer ihm im Amt nachfolgt. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) blickt Braungart nicht nur zurück, sondern vor allem auf das, was Bildung und Begabung in Zeiten von KI bedeuten.
Frage: Professor Braungart, nach 15 Jahren übergeben Sie die Leitung des Cusanuswerks an eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Was werden Sie am meisten vermissen?
Antwort: Den Kontakt mit den jungen Leuten. Ihre Vielfalt. Und das unglaubliche Engagement, das sie schon mitbringen, wenn sie zu uns kommen, und dann noch weiter entwickeln. Ich werde diese positiv eingestellten jungen Menschen vermissen, die konstruktiv an Dinge herangehen, ohne unkritisch zu sein.
Frage: Das Cusanuswerk ist eines der 13 Begabtenförderungswerke in Deutschland. Hat sich Ihr Blick auf das Thema Begabung in den 15 Jahren verändert?
Antwort: Er ist auf jeden Fall breiter geworden. Als ich anfing, hatten wir die Förderung von den Unis schon auf die Fachhochschulen ausgeweitet, was erst noch für Diskussionen sorgte. Dann haben wir vor drei Jahren die Auszubildendenförderung eingeführt. Als eines der ersten Werke haben wir uns dafür starkgemacht. Dazu die breite Förderung von Kunst und Musik, auch mit Ausstellungen und Konzerten.
Wir haben einen sehr breiten Begabungsbegriff, und das ist gut so. Denn Begabung darf nicht nur mathematisch oder sprachlich verstanden und nicht allein an Noten festgemacht werden. Hier darf es auch keine Hierarchie der Bildungsabschlüsse geben. Die Auszubildenden sind eine große Bereicherung, auch für die anderen Geförderten.
Frage: Ist Begabung denn immer hilfreich im Leben? Oder tun sich auch Hochbegabte schon mal schwer?
Antwort: Natürlich gibt es das. Uns interessiert sehr, was aus den Menschen nach der Förderung wird. Wir bemühen uns, sie auf ein Leben in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Familie vorzubereiten - überall dort, wo Verantwortung gefragt ist. Ich sage aber immer: Verantwortung bedeutet nicht, Macht auszuüben, sondern vor allem nicht zuschauen zu können, wenn ein Karren gegen die Wand fährt. Ich hoffe und glaube, dass das oft gelingt. Vor allem, wenn ich sehe, wo sich unsere Altcusanerinnen und -cusaner überall engagieren - auch weit über das Berufliche hinaus.
Frage: Was unterscheidet die jungen Menschen, die heute ins Cusanuswerk kommen, von denen vor 15 Jahren?
Antwort: Nicht viel. Das Spektrum ist und bleibt sehr breit - von progressiven Aktivisten, die am liebsten die ganze Welt aus den Angeln heben wollen, bis zu sehr frommen Menschen, die nach dem Katechismus leben und denen Papsttreue besonders viel bedeutet. Diese Breite ist mir immer sehr wichtig gewesen - und vor allem, dass diese unterschiedlichen Menschen einander respektvoll begegnen können; und mit einem Vertrauensvorschuss, wie ich immer betone.
Unsere Kirche und die Gesellschaft insgesamt könnten mehr solche Orte brauchen, sage ich mal selbstbewusst. Denn wir sehen ja, welche Polarisierungen dabei herauskommen, wenn sich jeder nur noch in seiner Blase bewegt, andere ausgrenzt und von deren Meinungen nichts wissen will.
Frage: Die Kirche verliert als Institution an gesellschaftlicher Bedeutung. Warum sollte sich ein junger Mensch heute noch an ein katholisches Begabtenförderungswerk wenden?
Antwort: Was soll ich dazu sagen? "Weil es tolle Angebote hat - weit über den katholischen Tellerrand hinaus." Im Ernst: Wir werden oft gefragt, ob wir überhaupt noch genug katholische Begabte finden. Die Zahlen sind gleichbleibend hoch - und auch die Qualität der Bewerbungen. Viele der jungen Frauen und Männer haben über lange Zeit Gruppen geleitet - in der Pfarrei oder etwa bei den Pfadfindern - und sich anderweitig sozial und karitativ engagiert. Sie haben einen realistischen und nicht unkritischen Blick auf die Kirche und kennen die dunklen und die hellen Seiten. Manche der Geförderten sagen mir auch: "Ich habe hier eine neue religiöse Heimat gefunden." Es ist natürlich bewegend, wenn wir auch mit unserem sehr gefragten geistlichen Angebot so etwas erreichen können. Dahinter steckt auch keinerlei religiöse Indoktrination, sondern es geht um vielfältige Möglichkeiten, unterschiedliche Formen des Glaubens kennenzulernen und sich in verschiedenen Formaten zu begegnen.
Frage: Gibt es Überlegungen, sich auch für Nicht-Katholiken zu öffnen?
Antwort: Bisher nicht. Es gibt ja 13 Begabtenförderungswerke: auch ein evangelisches, ein muslimisches, ein jüdisches. Dazu parteinahe Werke, gewerkschaftliche und wirtschaftsnahe Förderwerke. Da sollte für jede und jeden etwas dabei sein.
Frage: Muss sich ein katholisches Begabtenförderungswerk kirchenpolitisch oder politisch positionieren?
Antwort: Als Institution machen wir keine Politik und keine Kirchenpolitik. Wir machen Begabtenförderung. Auch als Leiter habe ich mich nie in die eine oder andere Richtung positioniert - ganz bewusst nicht. Wir wollen integrativ sein und Menschen zusammenführen - im Rahmen dessen, was christlich und katholisch ist, und im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Aber natürlich bieten wir in unserem Programm viel Platz für aktuelle und auch kontroverse Debatten, in die sich die Geförderten einbringen sollen.
Frage: Ein anderes Thema, das während Ihrer 15 Jahre aufgekommen ist, ist die künstliche Intelligenz. KI schreibt Aufsätze, analysiert Texte, programmiert und kann in Sekunden Informationen liefern. Wofür brauchen wir dann noch Bildung?
Antwort: KI ist natürlich ein wichtiges Thema für uns - in allen Bereichen. Ich war gerade bei der Jahrestagung der Görres-Gesellschaft. Dort haben Fachleute davor gewarnt, dass Menschen geistig abbauen, wenn sie alles nur noch von der KI erledigen lassen. Die Natur schaltet ab, was nicht mehr gebraucht wird. Das gilt auch für das Gehirn. Und denken Sie auch an die kritischen Worte von Papst Leo XIV. und sogar von den großen Tech-Konzernen selbst...
Frage: Was bedeutet das dann für das Cusanuswerk? Hände weg von KI?
Antwort: Das wäre der falsche Schluss. Zunächst wollen wir weiter helfen, die eigenen geistigen Fähigkeiten zu trainieren. Und die Fertigkeiten zu fördern, die mit Bildung verbunden sind: Persönlichkeitsbildung, einen weiten Horizont, Integrationsfähigkeit und Toleranz.
Dazu gehören aber auch Schnelligkeit in der Kommunikation und bei der Erfassung von Problemen sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit den verfügbaren Werkzeugen. Und dazu gehört natürlich auch KI. Doch ein verantwortungsvoller Umgang mit KI setzt eine Form von Intelligenz voraus, die über das System hinausgeht. Ich muss auch noch erkennen können, wenn ein System sogenannte Halluzinationen produziert.
Frage: Sie haben 15 Jahre lang junge Menschen gefördert, die Verantwortung in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur und Kirche übernehmen sollen. Wenn Sie diesen heute ein oder zwei Ratschläge mitgeben könnten: Wie sollten sie sich in die Gesellschaft einbringen?
Antwort: Meine Tochter hat einmal gesagt, ich sei ein "Missstände-Beseitiger". Fand ich erst etwas komisch, den Begriff, dann aber doch irgendwie gut, auch wenn er etwas negativ formuliert ist. Man sollte wahrnehmen, was schiefläuft - und dann mutig sein, etwas dagegen zu unternehmen. Und ein weiterer wichtiger Wert ist Treue: Treue zu den eigenen Werten, Treue auch zur Kirche und zum Cusanuswerk - und zugleich Treue zu sich selbst.
Frage: Die Bischöfe wählen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für Sie. Was wünschen Sie ihr oder ihm?
Antwort: Ich empfinde am Ende einer so langen Zeit vor allem eines: Dankbarkeit! Wer mir in dieser wunderbaren Aufgabe nachfolgt, braucht besonders auch Ausdauer und eine gute Kondition. Und ich wünsche einen guten Blick für die große Vielfalt unter den jungen Menschen, die einem anvertraut sind.
Für mich war das eine Grunderfahrung: Die jungen Leute sind fröhlich, konstruktiv, kritisch und eigenständig. Sie sind praktisch nie destruktiv. Einen Blick dafür zu haben und zu erkennen, welche Bereicherung diese jungen Menschen darstellen, das wünsche ich meiner Nachfolgerin oder dem Nachfolger.
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