Jahrestagung 2021

Einheit in Vielfalt? Zum Miteinander in unserer Gesellschaft

Einheit in Vielfalt, eine Leitidee der Europäischen Union, ist ein wiederkehrendes Motiv im Denken des Nicolaus Cusanus. In modernen heterogenen Gesellschaften ist das, was Einheit zu stiften vermag oder dies zumindest lange Zeit vermochte – wie etwa verbindende historische Narrative oder auch gemeinsame religiöse Überzeugungen – starken Fliehkräften ausgesetzt. Dies wirkt sich auch auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. Laut der Bertelsmann-Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ sehen drei Viertel der Befragten in Deutschland den gesellschaftlichen Zusammenhalt zumindest teilweise in Gefahr. Nicht ohne Grund fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Aufbau eines großen „Instituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Künstliche Intelligenz beschleunigt die Globalisierung, Wissen wird zu einem immer wichtigeren Produktionsfaktor und die Gesellschaft sortiert sich neu. Die Milieus von Aufsteigern wie den „Anywheres“, so nennt der Publizist David Goodhart mobile Weltbürger, die überall einsetzbar sind, sind oft um Welten getrennt von denen der sesshaften „Somewheres“. Diese sind enger mit ihrer meist ländlichen Heimat und ihren Familien verbunden. Obwohl diese Gruppe die Mehrheit in der Bevölkerung bildet, reagiert sie oft mit starkem Befremden auf den „Mainstream“, der sich ihrer Ansicht nach von der Mehrheitsmeinung zu einem Kanon des Sagbaren entwickelt – bestimmt von den in die Öffentlichkeit hineinwirkenden „Eliten“ und ihrem Deutungsanspruch.

Während die Vielfalt an Lebensentwürfen und Wertvorstellungen zunimmt, wächst in Zeiten des Umbruchs auch die Verunsicherung und die Gereiztheit. Statt das Gespräch mit Andersdenkenden zu suchen, ziehen sich viele in Lebenswelten zurück, in denen sie vornehmlich Gleichgesinnten begegnen. Die Polarisierung der Standpunkte wird durch die Algorithmen der digitalen Kommunikationsplattformen verstärkt: Je öfter man sie benutzt, umso verlässlicher wird man mit Informationen versorgt, die denen vorangegangener Suchabfragen gleichen.

Nicht mehr nur linker, rechter oder im Namen einer Religion ausgeübter Extremismus ist gefährdend für den Zusammenhalt in einer Demokratie. Inzwischen bedienen sich auch Akteure gemäßigter politischer Orientierung populistischer Stilmittel. Sogar unter den Auspizien des Kampfes für eine offene und pluralistische Gesellschaft wird mitunter statt auf Dialog auf Stigmatisierung und Ausgrenzung, Ressentiments und Diskreditierung gesetzt. Die Folge ist eine zunehmende Polarisierung, aber auch eine schwindende Solidarität und ein schwindendes Vertrauen in die Politik.

Die abnehmende Toleranz gegenüber anderen Meinungen ist selbst an Stätten geistiger Auseinandersetzung so virulent, dass sich der Deutsche Hochschulverband 2019 herausgefordert sah, eine „Resolution zur freien Debattenkultur an den Universitäten“ zu veröffentlichen. Dort heißt es: „An Universitäten muss […] jeder […] seine Forschungsergebnisse, Thesen und Ansichten ohne Angst zur Diskussion stellen können. Das Grundgesetz bindet die Freiheit der Lehre lediglich an die Treue zur Verfassung. Darüber hinausgehende Denk- oder Sprechverbote gibt es nicht. Wer die Welt der Universitäten betritt, muss akzeptieren, mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, die den eigenen zuwiderlaufen. […] Das bedeutet in einem freiheitlichen Rechtsstaat, dass die Äußerung einer nicht verfassungswidrigen, aber politisch unerwünschten Meinung nicht nur geschützt, sondern notfalls auch erst ermöglicht werden muss.“

Vor diesem Hintergrund ist zu fragen: Wie lassen sich öffentliche Diskussionen derart gestalten, dass nicht Oberflächlichkeit und Emotionalität, nicht moralisierende Kritiken und skandalisierende Zuspitzungen, nicht simplifizierendes Schubladendenken und eine abgrenzende Freund-Feind-Logik dominieren, sondern der offene, tolerante Austausch von Argumenten und der Wunsch, eine echte Verständigung herbeizuführen? Kurz: Wie lässt sich eine Debattenkultur fördern, die diesen Namen verdient? Wie also lässt sich Zusammenhalt – Kohärenz – erreichen? Und zwar nicht gegen Konkurrenten im Meinungsdiskurs, sondern trotz markanter Divergenzen, unterschiedlichem Erfahrungshintergrund und stabiler Dissense? Der Blick sollte nicht nur auf Formen des Diskurses und des bewusst geplanten gesellschaftlichen Handelns gerichtet sein, sondern auch auf emotionale, rituelle oder künstlerische Dimensionen: Wie sichert und ermöglicht eine Gesellschaft trotz großer (und erwünschter) Vielfalt Prozeduren der Kohärenzbildung? Welche Funktion haben dabei Wissenschaft und Kirche, Wirtschaft, Kultur und Medien? Und was ist zu erwarten von der Begabtenförderung – und ganz konkret: vom Cusanuswerk?

Demokratie braucht Vielfalt. Sie braucht Impulse zur inhaltlichen Differenzierung und zur wertorientierten Entscheidung der Verantwortungsträger. Deswegen ist auch das staatlich finanzierte System der Begabtenförderung in Deutschland ein plurales System. Wie die anderen Förderwerke ist das Cusanuswerk der Persönlichkeitsbildung und damit auch einer großen Binnenpluralität verpflichtet: Eine Förderung des Diskurs- und Urteilsvermögens sowie der Meinungsbildung ist ohne Meinungsvielfalt, mit einer Konkurrenz unterschiedlicher Positionen, nicht möglich.

Ein Altcusaner bezeichnete das Cusanuswerk als einen Erprobungsraum, in dem Ambiguitätstoleranz geschult werde. Cusanerinnen und Cusaner richten sich nicht im eigenen Meinungswinkel ein und fällen keine voreiligen Urteile. Ihr diskursives Engagement endet nicht an den Grenzen dessen, was ihnen politisch opportun und angenehm erscheint. Das Cusanuswerk ist keine Gesinnungsgemeinschaft. Es geht nicht um Selbstvergewisserung. Wo, wenn nicht im Cusanuswerk, soll man lernen, mit den Zumutungen widerstrebender Meinungen umzugehen, wie, wenn nicht im Streit um das bessere Argument. Die Gesellschaft und auch die Kirche brauchen Brückenbauer, brauchen Menschen, die Lagerdenken überwinden und Versöhnung unterstützen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt steht auf dem Spiel, wenn Gruppen oder Individuen um sich selbst kreisen und nicht bereit oder in der Lage sind, in ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl zu handeln.

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