Ferienakademie 3 – 2019/20
Auferstanden aus Ruinen – Geschichte und Fortwirken einer deutschen Diktatur

Datum: 13.08. - 23.08.2019

Ort: Brandenburg - 14774 Katholische Familienbildungsstätte St. Ursula

Leitung: Ruth Jung - Geistliche Begleitung: Maria Bebber

Die Anmeldefrist ist abgelaufen.

Inhalte der Veranstaltung

„Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,
laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen, daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint, über Deutschland scheint.“
(1. Strophe der Hymne der Deutschen Demokratischen Republik)

Diese Hymne – gedichtet von Johannes R. Becher, komponiert von Hanns Eisler, zwei international bekannten und anerkannten deutschen Künstlern – wurde vom Politbüro der SED im Oktober 1949 in Auftrag gegeben. Ihre ersten Zeilen entwarfen nicht nur ein zukunftsorientiertes und geläutertes Deutschland, sie referierten auch auf die gemeinsame Erfahrung der Deutschen in Ost und West: „Ruinen“ und „alte Not“, Krieg und Diktatur, die Zeit des Nationalsozialismus. Die DDR-Hymne unterschied sich damit ganz grundsätzlich von der der Bundesrepublik, für die man auf Text und Melodie aus dem 19. Jahrhundert zurückgegriffen hatte. Beide glichen einander jedoch in der Beschwörung eines einigen bzw. geeinten „Vaterlandes“. Wie formelhaft diese Beschwörung auch sein mochte, sie hatte offensichtlich politische Sprengkraft – und bewegte die DDR-Führung 1972, Gesang und Publikation des Textes ihrer eigenen Hymne zu verbieten.

Es folgte eine Phase der politischen Konsolidierung, die die deutsche Einheit trotz „Wandel durch Annäherung“ in immer weitere Ferne rückte. Die Jahrgänge zwischen 1940 und 1970 sind nicht in „Deutschland“, sondern in einem der beiden deutschen Staaten aufgewachsen, diesseits oder jenseits des Eisernen Vorhangs, in Demokratie oder Diktatur, Marktwirtschaft oder Planwirtschaft. Daraus ergab sich aber kein symmetrisches, sondern ein vielfach asymmetrisches Geflecht gegenseitiger Bezüge und Beziehungen, besonders im Alltagsleben. Auch wenn sich die beiden deutschen Staaten zu Musterknaben ihrer jeweiligen Bündnispartner entwickelten – die Menschen in West und Ost orientierten sich am Westen bzw. am westlichen Lebensstil. Während die Westdeutschen nach und nach ihr Interesse am Osten verloren und sich mit der Teilung arrangierten, war es für die Ostdeutschen selbstverständlich, „West-Sender“ zu konsumieren und das eigene Erleben mit dem, was sie für westliche Standards hielten, zu kontrastieren. Und während die Westdeutschen vollkommen überrascht zusahen, gingen die Ostdeutschen aus Wut und Enttäuschung auf die Straße und riefen: „WIR sind das Volk!“ – wenig später: „Wir sind EIN Volk!“

Der „glücklichsten Stunde der deutschen Geschichte“ (Angela Merkel / Stefan Wolle) folgte ein Vereinigungsprozess nach westlichem Vorbild und Maßstab und eine „Anpassungsleistung“ des Ostens, die ihresgleichen sucht und tiefe Spuren in den Biographien der Ostdeutschen hinterlassen hat. Davon wollten die meisten Westdeutschen jedoch nichts wissen, und so waren sie abermals überrascht, als sich 2014/2015 gerade im Osten neue Protestbewegungen formierten und die AfD von Landtagswahl zu Landtagswahl die traditionelle Klientel der ostdeutschen LINKEN für sich gewann. Plötzlich hieß es wieder: „WIR sind das Volk!“ – und man könnte übersetzen: Wir sind AUCH das Volk, doch ihr habt uns nicht ernst genommen und uns nicht zugehört; ihr habt die Großen laufen und die Kleinen hängen lassen; ihr habt nicht genau hingesehen und erst gar nicht versucht zu retten, was zu retten war …

In Bezug auf Lebenserwartung, Produktivität, Einkommen und Rente, Mediennutzung, zivilgesellschaftlicher Organisation, Wahlverhalten und Bewertung der Demokratie ist Deutschland nach wie vor ein geteiltes Land. 70 Jahre nach der Staatsgründung und 30 Jahre nach dem Kollaps der DDR ist die Geschichte des „anderen Deutschland“ zwar gut erforscht, aber der Mehrheit der Westdeutschen und nach 1980 Geborenen so gut wie unbekannt. Daran will diese Akademie arbeiten. Sie fragt darüber hinaus nach der „longue durée“ der spezifisch ostdeutschen Erfahrung im 19./20. Jahrhundert und sucht nach dem Ort der DDR in Geschichte und Gedächtnis der Deutschen. Sie bietet keinen „Grundkurs“, aber die Möglichkeit, exemplarisch zu arbeiten – mit Wissenschaftlern und Zeitzeugen, auf Exkursionen und im Rahmen selbst geplanter Recherchen. Dafür haben wir uns auch auf die Suche nach einem neuen Tagungsort gemacht – also: Herzlich Willkommen in Brandenburg an der Havel!

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