Ferienakademie 16 – 2021/22
An der Schmerzgrenze. Zur Physiologie und Psychologie einer Empfindung

Datum: 12.09. - 17.09.2021

Ort: Schloss Spindlhof - 93129 Regenstauf

Leitung: Sophia Fazio - Geistliche Begleitung: Judith Lurweg

Die Anmeldefrist ist abgelaufen.

Inhalte der Veranstaltung

Denn einmal redet Gott / und zweimal, man achtet nicht darauf. [… Der Mensch] wird gemahnt durch Schmerz auf seinem Lager / und ständig ist Kampf in seinen Gliedern. – Ijob 33,14.19

„Indianer kennt kein' Schmerz.“ – Sprichwort

Salvador hat Schmerzen. Er ist zerbrechlich geworden, seine Gelenke halten die Schwere des Körpers mit Mühen aus. Seine Bewegungen sind steif. Ihn quält ein Schwulst in der Kehle, der ihn drückt und zu schlucken hindert: Todesangst. „Du hast ständig Schmerzen, Rückenschmerzen, Schulterschmerzen, Migräne, kannst kaum aus dem Auto aussteigen, aber ich möchte es nicht sehen. Außerdem will ich, dass du mich spielst, aber ich möchte es nicht sehen,“ so erzählt Antonio Banderas im ZEIT-Interview1 seinen schauspielerischen Auftrag: Der Regisseur Pedro Almodóvar schneidert dem Protagonisten seines Films Dolor y Gloria eine quälende Empfindsamkeit auf den Leib und der in Cannes mit einer goldenen Palme gekrönte Banderas verkörpert Salvador so schwebend fragil, dass es schwerfällt, nicht berührt zu sein: Berührt vom Schmerz an Körper und Seele.

Dolor Y Gloria ist viel mehr als eine kinematografische Erkundung des Schmerzes und reiht sich doch ein in die unzähligen, künstlerischen Auseinandersetzungen mit dieser sehr zentralen Erfahrung der Vulnerabilität als conditio humana: Es ist passend, dass Almodóvars Film zugleich autobiografisch genährt und metaphorisch gestimmt ist. Schmerz als sicherste und wahre Vergewisserung der eigenen Wirklichkeit ist in seiner zugleich so subjektiv, dass die Sprache darüber nur eine übertragene sein kann: „Der Schmerz ist ein Schrank, in den ich gesperrt bin“, schreibt Martin Walser und die Heilige Teresa von Avila wusste längst, dass Schmerz „herzzerreißend“ sein kann: Wer vermag sie nicht nachzuempfinden, diese Gefühle der Bedrängung oder der Zersprengung, die durch den verletzten Körper fahren? Aber was genau definiert Schmerz?

Die Ferienakademie erwartet Sie mit philosophischen und theologischen, kunstgeschichtlichen und linguistischen, kognitions- und kulturwissenschaftlichen Annäherungen; sie stellt aber zunächst die Medizin, die Physiologie und Psychologie des Schmerzes in den Mittelpunkt ihrer interdisziplinären Erkundungen. Was unterscheidet chronische von akuten Schmerzen, was sind gängige, was sind mögliche Therapieformen? Welche biologischen, sozialen oder psychologischen Faktoren spielen eine Rolle? Wie ist Schmerzempathie zu erklären und was versteht man unter seelischem Schmerz? Welche Abwehrstrategien und Betäubungsoptionen gibt es? Auch der Frage, wie wir gesamtgesellschaftlich mit Schmerz umgehen – nicht zuletzt in ökonomischer Hinsicht – wird aus aktuellem Anlass im Tableau des Programms vorkommen: Die Debatte über die sogenannte Opioidkrise in den USA, der in vielerlei Hinsicht ausufernde Missbrauch von Schmerzmitteln, ist ein geeigneter Anker, auch über die Rolle der Pharmaindustrie und den Schmerzmittelmarkt ins Gespräch zu kommen.
 

1 DIE ZEIT, 25.7.2019, „Wir waren Crazy“, Antonio Banderas im Interview mit Katja Nicodemus.

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